LG Itzehoe: Vertragspartner bei konkludentem Vertragsabschluss durch tatsächlichen Bezug nach Leerstand einer Mietwohnung (Stromlieferungsvertrag)

LG Urteil vom 3.3.2009, 1 S 179/08 – Leitsätze: Hat der den Energiebezug des Mietvertrags selbst zu sorgen, kommt ein durch tatsächlichen Abnahme von Strom zustande. Die mittels Realofferte angebotenen Leistung führt zur Annahme eines Vertragsschlusses, wenn dem Versorgungsunternehmen die mietvertragliche Regelung aufgrund der bisherigen Handhabung bekannt ist. Den treffen keine Pflichten aus dem , wenn der Mieter entgegen § 2 Abs. 2 StromGVV den Strombezug gegenüber dem Versorgungsunternehmer nicht anzeigt.

Aus der Entscheidung: Die zulässige Berufung der Beklagten hat in der Sache Erfolg.

Entgegen der Ansicht des Amtsgerichts sind die Beklagten als Vermieter / Eigentümer nicht Vertragspartner der Klägerin hinsichtlich des in der Wohnung … in …-… bezogenen Stroms geworden, so dass ein Zahlungsanspruch für den Verbrauch gem. § 433 Abs. 2 BGB, welchen die Kläger unter dem 31.12.2007 mit einem Gesamtbetrag von 1.109,85 EUR in Rechnung gestellt hat, nicht besteht.

Da entgegen § 2 Abs. 1 StromGVV, nach dem Grundversorgungsverträge über die Lieferung von Elektrizität grundsätzlich in Textform geschlossen werden sollen, ein Vertrag in der dort vorgeschriebenen Form weder mit den Beklagten als Vermietern, noch der in dem Zeitraum die Wohnung bewohnenden Mieterin … geschlossen wurde, kommt ein Vertragsschluss nur in der Form des § 2 Abs. 2 StromGVV in Betracht. Dort ist der allgemein anerkannte Rechtsgrundsatz normiert, wonach in dem Leistungsangebot eines Versorgungsunternehmens ein Vertragsangebot in Form einer sogenannten Realofferte zum Abschluss eines Versorgungsvertrages zu sehen ist, das von demjenigen konkludent angenommen wird, der aus dem Leitungsnetz des Versorgungsunternehmens Elektrizität entnimmt (vgl. u.a. BGH NJW 2003, 3131). Dadurch wird der Tatsache Rechnung getragen, dass in der öffentlichen leitungsgebundenen Versorgung die angebotenen Leistungen vielfach ohne ausdrücklich schriftlichen oder mündlichen Vertragsschluss in Anspruch genommen werden; dabei soll ein vertragsloser Zustand bei Energielieferungen vermieden werden.

Unstreitig hat die Klägerin auch nach Auszug der … und … Ende Februar 2006 ihre Leistung angeboten. Die Stromversorgung wurde nicht gekappt oder ähnliches, auch während des Leerstandes der Wohnung zwischen März und Juni 2006 konnte Strom entnommen werden. Ob oder in welchem Umfang auch während des Leerstandes Strom bezogen wurde, ist weder vorgetragen noch im vorliegenden Fall erheblich, da es allein um den im Zeitraum 01.01.-31.12.2007 abgerechneten Verbrauch geht.

Für die Frage, wem die tatsächliche Entnahme als eine auf den Abschluss eines Versorgungsvertrags gerichtete Willenserklärung zuzurechnen ist, kommt es darauf an, an wen aus der Sicht des Entnehmenden das Versorgungsunternehmen die Realofferte in Form der Bereitstellung von Energie richtet und wer aus Sicht des Versorgungsunternehmens unter Berücksichtigung von Treu und Glauben und der Verkehrssitte dieses Angebot durch die Entnahme von Energie angenommen hat und dadurch erklärt hat, Vertragspartner werden zu wollen. Die Orientierung nach Treu und Glauben bedeutet, dass im Zweifel ein Auslegungsergebnis anzustreben ist, das die berechtigten Belange beider Parteien angemessen berücksichtigt und mit den Anforderungen des redlichen Geschäftsverkehrs im Einklang steht (OLG Sachsen-Anhalt, RdE 2006, 319 f.;OLG Koblenz, NJW-RR 2006, 1065 f.).

Bei der Auslegung ist zu berücksichtigen, wer die nach außen sichtbare tatsächliche und rechtliche Verfügungsgewalt über den Anschluss hat, wobei es nicht darauf ankommt, dass dieser die Energie persönlich entnimmt. Es genügt vielmehr, wenn er die Entnahme durch Dritte gestattet, was im Verhältnis des Vermieters zum Mieter grundsätzlich möglich sein kann. Aus der Anmietung von Räumen folgt daher zwar regelmäßig, aber nicht zwangsläufig, dass der Mieter Vertragspartner des Versorgungsunternehmens wird und deshalb grundsätzlich für die Bezahlung der in den gemieteten Räumen verbrauchten Energie haftet (OLG Sachsen-Anhalt, RdE 2006, 319 f.).

Im vorliegenden Fall sollten die Beklagten als Vermieter aufgrund der mietvertraglichen Regelungen mit den jeweiligen Mietern weder für die laufenden Stromkosten aufkommen, noch für das Versorgungsverhältnis dergestalt zuständig sein, dass sie Verträge mit einem Versorgungsunternehmen schließen und die anfallenden Kosten als umlagefähige im Rahmen von Betriebskostenvorauszahlungen pp. von der Mieterin erstattet verlangen. Entsprechend der üblichen Handhabung in der Praxis sollte der jeweilige Mieter selbst Vertragspartner des Leistungserbringers werden und auch die insoweit anfallenden Kosten außerhalb der Miete unmittelbar tragen. Aus Sicht des jeweiligen Mieters, hier konkret der Mieterin …, war die Realofferte der Klägerin deshalb an sie als diejenige gerichtet, die auch nach den Vereinbarungen mit den Vermietern dafür zuständig war, den Strombezug zu regeln.

Auch aus Sicht des Versorgungsunternehmens sollte sich das Angebot an den jeweiligen Mieter der Wohnung richten. Denn auch in der Vergangenheit hatte die Klägerin nur mit den Mietern der Wohnung – wie auch bei den Mietern … / …, welche die Wohnung bis Ende Februar 2006 bewohnt haben – Versorgungsverträge geschlossen und mit ihnen den Verbrauch direkt abgerechnet. Gegenüber den Beklagten rechnete sie ab dem Eintritt des Leerstandes lediglich Grundgebühren ab, die sie auch den Abschlägen zugrunde legte. Sie rechnete folglich nicht damit, dass die Beklagten aufgrund eigenen Verbrauchs selber Vertragspartner werden sollten oder wollten. Die berechneten Grundgebühren, die auch den – ohne wirksame Ermächtigung – vorgenommenen Bankeinzügen zugrunde lagen, betrafen lediglich mögliche Leerstandskosten, für die ein Vermieter einzustehen hat (LG Kiel, RdE 1990, 229; so auch BGH in NJW 2003, 2902 zu Fernwärme). Derartige Kosten wurden jedoch durch die geleisteten Abschläge von monatlich 3,00 EUR erfüllt.

Ein konkludenter Vertragsschluss mit den Beklagten hinsichtlich des Stromverbrauchs der Mieterin … kann vor dem Hintergrund der vorgenannten Maßstäbe nicht angenommen werden. Dementsprechend ist die Mieterin mit der erstmaligen Stromentnahme Vertragspartnerin der Klägerin geworden und vertragliche Entgeltansprüche sind allein ihr gegenüber geltend zu machen.

Diesem Ergebnis steht auch nicht entgegen, dass die Mieterin ihrer Pflicht, die Abnahme von Strom der Klägerin unverzüglich mitzuteilen (§ 2 Abs. 2 S.1 StromGVV) nicht nachgekommen ist (LG Duisburg vom 23.09.2005, zit. nach juris: Rn 7). Die StromGVV sieht eine irgendwie geartete Ausfallhaftung des Vermieters für derartige Fälle nicht vor. Auch soll die Möglichkeit eines konkludenten Vertragsschlusses dem Versorgungsunternehmen nicht dazu dienen, einen weiteren Vertragspartner zu erhalten. Wenn sich das Stromversorgungsunternehmen diesem Risiko nicht aussetzen will, kann es mit dem Vermieter ab dem Zeitpunkt des Leerstandes einen Vertrag (in Textform, § 2 Abs. 1 StromGVV) schließen, so dass die Beendigung des Leerstandes bzw. die Neuvermietung nur dann zu einer Beendigung des von ihm geschlossenen Versorgungsvertrages führt, wenn der Vermieter dies gegenüber dem Versorgungsunternehmen entsprechend anzeigt bzw. seinen Vertrag kündigt.

Ob im vorliegenden Fall eine mögliche Nichtanzeige der Beendigung des Leerstandes durch die Beklagten zu einem Schadensersatzanspruch der Klägerin führen kann, war im vorliegenden Rechtsstreit nicht zu klären, da ein derartiger Anspruch jedenfalls auch von der Durchsetzbarkeit der vertraglichen Ansprüche gegenüber der Mieterin abhängen würden.

Die Kostenentscheidung folgt aus § 91 Abs. 1 ZPO; die Entscheidung über die vorläufige Vollstreckbarkeit auf §§ 708 Nr. 10, 713 ZPO.

Kommentieren

Sie müssen angemeldet sein, um kommentieren zu können.